Kurz gesagt: Kaffee wächst nur in einem schmalen Temperaturfenster, und dieses Fenster verschiebt sich. Für Arabica rechnen Modelle damit, dass die besonders gut geeigneten Anbauflächen bis 2050 deutlich schrumpfen. Was davon eintritt, ist offen – spürbar ist es aber längst, und zwar an Ernteausfällen, an Rohkaffeepreisen und daran, welche Kaffees überhaupt verfügbar sind.
Wir rösten in München, und der weit überwiegende Teil unseres Sortiments ist Arabica – also genau die Art, die im Allgemeinen empfindlicher auf Wärme reagiert als Robusta. Dieser Beitrag sortiert, was belegt ist, was Modellrechnung bleibt und was davon in der Tasse ankommt.
Warum Kaffee so empfindlich auf Temperatur reagiert
Kaffee ist keine robuste Feldfrucht. Der Deutsche Kaffeeverband nennt für Arabica Temperaturen von etwa 18 bis 25 Grad und für Robusta rund 26 Grad, dazu Niederschläge von 1.500 bis 2.000 Millimetern im Jahr und einen tiefen, durchlässigen Boden.
Arabica ist im Allgemeinen an kühlere Bedingungen angepasst als Robusta. Welche Temperaturen günstig sind, hängt unter anderem von Sorte, Standort und Wasserversorgung ab – eine einzelne „optimale” Gradzahl gibt es nicht. Was die beiden sonst noch unterscheidet, steht in unserem Beitrag zu Arabica oder Robusta.
Bei uns steht beides im Regal, wenn auch sehr ungleich verteilt. Fast alles, was wir rösten, ist Arabica; die Ausnahme ist unser Calcio, in dem brasilianischer Arabica auf einen indischen Robusta trifft – dort ist die Robusta-Komponente eine geschmackliche Entscheidung für Körper und Crema, keine Preisfrage.
Genau deshalb wächst guter Arabica meist in der Höhe. Unser Playmaker kommt aus Kirinyaga County in Kenia, vom Südhang des Mount Kenya, auf 1.600 bis 1.800 Metern. Höhe ersetzt hier Breitengrad: Sie sorgt für kühle Nächte, langsamere Reifung und damit für die Säurestruktur, die kenianischen Kaffee ausmacht. Fällt die Kühle weg, fällt ein Teil des Profils mit.
Was die Modelle für 2050 sagen – und was sie nicht sagen
Eine Studie von Grüter, Trachsel, Laube und Jaisli, erschienen 2022 in PLOS ONE (DOI: 10.1371/journal.pone.0261976), untersucht die künftige Anbaueignung für Arabica-Kaffee, Cashew und Avocado unter drei Emissionsszenarien. Für Robusta gilt sie also ausdrücklich nicht.
Die Ergebnisse für Arabica bis 2050:
- Die Flächen der höchsten Eignungsklasse gehen in allen drei Szenarien um mehr als 50 Prozent zurück.
- Die Flächen mittlerer Eignung nehmen um 31 Prozent (niedrigstes Szenario) bis 41 Prozent (höchstes Szenario) ab.
- In den untersuchten Hauptproduktionsländern – Brasilien, Vietnam, Indonesien, Kolumbien – fällt der Rückgang in der höchsten Eignungsklasse besonders stark aus, je nach Land zwischen 48 und 97 Prozent.
- Haupttreiber ist die steigende Jahresmitteltemperatur, nicht der Niederschlag.
Und jetzt der Teil, der in Schlagzeilen meistens fehlt: Die Autoren benennen selbst, was ihr Modell nicht abbildet. Nicht berücksichtigt sind Bewässerung, Bodenverbesserung, Wechselwirkungen zwischen den Kriterien, Unterschiede zwischen Sorten, Schädlingsdruck und Extremwetterereignisse.
Das heißt zweierlei. Erstens ist das keine Prognose der Erntemenge, sondern eine Eignungskarte – wo Arabica unter welchen Bedingungen noch gut wachsen könnte. Zweitens wirken die nicht modellierten Faktoren in beide Richtungen: Bewässerung und neue Sorten können abfedern, Schädlinge und Extremwetter können es verschärfen. Wer die Studie als „2050 gibt es keinen Kaffee mehr” zusammenfasst, hat sie nicht gelesen.
Nicht nur Wärme: Schädlinge wandern mit nach oben
Das naheliegende Gegenmittel – höher anbauen – ist weniger einfach, als es klingt. Der Kaffeekirschenkäfer (Hypothenemus hampei) wird in der Fachliteratur als weltweit bedeutendster Schädling im Kaffeeanbau geführt, und er profitiert von Wärme.
Jaramillo et al. (2011) berichten in PLOS ONE (DOI: 10.1371/journal.pone.0024528), dass der Kaffeekirschenkäfer am Kilimandscharo innerhalb von zehn Jahren rund 300 Höhenmeter weiter nach oben vorgedrungen war. Für höher gelegene Kaffeeanbaugebiete Ostafrikas modelliert die Studie bis 2050 fünf bis zehn Generationen pro Jahr; als damalige Vergleichsspanne nennt sie für Ostafrika etwa eine bis viereinhalb Generationen.
Für Lagen wie die, aus der unser Playmaker kommt, ist das der relevantere Befund als jede Durchschnittstemperatur: Die Höhe schützt nicht dauerhaft, wenn der Schädling mit nach oben zieht. Dazu kommt, dass Berge endlich sind – irgendwann ist oben.
Was davon in Deutschland schon angekommen ist
Das ist keine Zukunftsfrage mehr. Das Statistische Bundesamt hat im Juni 2025 gemeldet, dass Bohnenkaffee im April 2025 um 12,2 Prozent teurer war als ein Jahr zuvor – bei einer allgemeinen Teuerung von 2,1 Prozent und 2,8 Prozent bei Nahrungsmitteln insgesamt. Die Importpreise für Rohkaffee lagen im selben Monat um 53,1 Prozent über dem Vorjahreswert.
Die Begründung steht in der Mitteilung selbst: Die Importpreise seien „aufgrund von Faktoren wie Ernteausfällen durch extreme Wetterlagen stark angestiegen” (Statistisches Bundesamt). Dieselbe Quelle nennt Brasilien als wichtigsten Lieferanten mit 41,4 Prozent der deutschen Kaffeeimporte im Jahr 2024 – ein Land, das in der Eignungsmodellierung oben zu den stark betroffenen gehört.
Diese Zahlen sind eine Momentaufnahme aus dem Frühjahr 2025, kein aktueller Preisstand. Und sie sagen nicht, welcher Anteil des Preisanstiegs auf den Klimawandel entfällt – extreme Wetterlagen sind einer von mehreren genannten Faktoren, und ein einzelnes Wetterereignis lässt sich nicht ohne Weiteres dem Klimawandel zurechnen. Das Muster dahinter ist aber das dauerhafte: Wetter in einer Anbauregion wird in Deutschland als Preis sichtbar, mit einigen Monaten Verzögerung. Warum guter Kaffee unabhängig davon anders kalkuliert ist als Supermarktware, steht in Specialty Coffee vs. Industriekaffee.
Woran geforscht wird: der Fall Stenophylla
Es passiert auch etwas auf der Lösungsseite, und ein Beispiel ist ungewöhnlich genug, um es zu erzählen.
Coffea stenophylla ist eine westafrikanische Kaffeeart, die im 20. Jahrhundert weitgehend aus dem Anbau verschwand und in Sierra Leone wiedergefunden wurde. Ein Team um Aaron Davis von den Royal Botanic Gardens Kew hat sie 2021 in Nature Plants beschrieben. Das Bemerkenswerte: Die Art gedeiht laut der Untersuchung bei einer Jahresmitteltemperatur von etwa 24,9 Grad – nach den dort angegebenen Vergleichswerten rund zwei Grad über Robusta und etwa sechs Grad über Arabica.
Bislang galt: wärmetolerant ja, aber geschmacklich kein Ersatz für Arabica. Genau das stellten zwei Verkostungen infrage. Eine Probe aus Sierra Leone erreichte bei einer Verkostung im Sommer 2020 eine Bewertung von 80,25 Punkten und lag damit knapp im Specialty-Bereich. In einer separaten Blindverkostung einer anderen Stenophylla-Probe ordneten 81 Prozent der Prüfenden sie als Arabica ein. Die Ergebnisse wurden 2021 veröffentlicht (Kew).
Wichtig zur Einordnung: Das ist Forschung, kein Produkt. Stenophylla wird nicht in nennenswertem Umfang angebaut, und von einzelnen Verkostungen bis zu einer marktfähigen Art ist es ein weiter Weg. Der Befund zeigt vor allem, dass die Gleichung „hitzetolerant = schlechter Geschmack” nicht zwingend gilt – und dass es sich lohnt, jenseits der zwei Arten zu suchen, die heute praktisch den gesamten Markt ausmachen.
Was wir als kleine Rösterei davon merken
Ehrlich gesagt: Wir lösen davon nichts. Eine Rösterei in München hat keinen Einfluss auf Niederschlag in Minas Gerais.
Was wir merken, ist konkreter und unspektakulärer. Rohkaffee ist ein Ernteprodukt, und ein Lot ist endlich: Ein Kaffee, der in einem Jahrgang überzeugt hat, ist im nächsten nicht automatisch in vergleichbarer Qualität zu bekommen – dann steht ein anderer im Regal. Dazu kommen Einkaufspreise, die sich seit einigen Jahren spürbar stärker bewegen als früher. Warum Ernteprodukte so schwanken und was das für Single Origins bedeutet, haben wir in Single Origin oder Blend beschrieben.
Wir schreiben bewusst nicht, dass unser Kaffee klimaneutral sei oder dass wir das Problem an der Wurzel lösen. Beides wäre eine Behauptung, die wir nicht belegen können. Was wir sagen können: Wir kaufen aus mehreren Ursprüngen statt aus einem, und wir sagen es, wenn ein Kaffee sich verändert hat, statt so zu tun, als wäre er derselbe.
Häufige Fragen
Stimmt es, dass es 2050 keinen Kaffee mehr gibt? Nein, das sagt keine der gängigen Studien. Grüter et al. (2022) modellieren für Arabica einen Rückgang der am besten geeigneten Anbauflächen um mehr als 50 Prozent bis 2050 – das ist ein Rückgang geeigneter Fläche, keine Prognose des Verschwindens, und Robusta ist in dieser Untersuchung nicht enthalten. Die Autoren nennen zudem selbst mehrere Faktoren, die ihr Modell nicht abbildet.
Ist Robusta klimaresistenter als Arabica? Arabica ist im Allgemeinen an kühlere Bedingungen angepasst als Robusta, Robusta verträgt also höhere Temperaturen. Welche Temperaturen günstig sind, hängt allerdings unter anderem von Sorte, Standort und Wasserversorgung ab. „Resistent” ist ohnehin zu viel gesagt, denn auch Robusta reagiert auf Trockenheit und Extremwetter.
Warum hilft es nicht einfach, höher anzubauen? Weil Wärme nicht das einzige Problem ist. Der Kaffeekirschenkäfer breitet sich mit steigenden Temperaturen in höhere Lagen aus – am Kilimandscharo laut Jaramillo et al. (2011) rund 300 Höhenmeter in zehn Jahren. Für höher gelegene Anbaugebiete Ostafrikas modelliert dieselbe Studie bis 2050 fünf bis zehn Generationen pro Jahr, gegenüber einer damaligen Vergleichsspanne von etwa einer bis viereinhalb. Außerdem ist Höhe begrenzt, und geeigneter Boden in Höhenlagen erst recht.
Ist mein Kaffee deshalb teurer geworden? Extreme Wetterlagen können Ernten beeinträchtigen und Preise erhöhen. Das Statistische Bundesamt nennt sie ausdrücklich als einen Faktor hinter den stark gestiegenen Rohkaffee-Importpreisen: Im April 2025 lag Bohnenkaffee 12,2 Prozent über dem Vorjahr, die Rohkaffee-Importpreise 53,1 Prozent. Welcher Anteil des konkreten Preisanstiegs auf den Klimawandel zurückgeht, lässt sich aus diesen Zahlen allein nicht bestimmen. Neuere Werte können zudem davon abweichen.
Gibt es hitzetolerante Kaffeearten, die gut schmecken? Coffea stenophylla ist der bekannteste Kandidat: hitzetoleranter als Robusta, und eine Probe erreichte bei einer Verkostung im Sommer 2020 eine Bewertung von 80,25 Punkten, knapp im Specialty-Bereich. In einer separaten Blindverkostung einer anderen Probe hielten 81 Prozent der Prüfenden sie für Arabica; veröffentlicht wurden die Ergebnisse 2021. Angebaut wird die Art bislang kaum – es ist ein Forschungsbefund, keine Alternative im Regal.
Schmeckt Kaffee durch den Klimawandel anders? Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Was sich beobachten lässt, ist Schwankung: Jahrgänge unterscheiden sich stärker, und einzelne Profile sind nicht jedes Jahr in gleicher Qualität verfügbar. Ob ein einzelner Kaffee „wegen des Klimas” anders schmeckt, lässt sich seriös nicht von einer Tasse ableiten.
Über die Autorin: Jovana ist Rösterin, Kaffeologin und Gründerin von Nine Fine Roastery in München. Den Kaffee für Nine Fine röstet sie selbst. Außerdem ist sie Profifußballerin.